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Schall und Rauch

Ich hab nen langen Namen. 3 Vornamen, 1 Nachnamen.

Ich hab ihn mir nicht selbst ausgesucht. Ich mag ihn nicht mal besonders.

Ich kenne viele die ihren Namen nicht mögen. Wenn doch, so hat sie[1] ihn für den längsten Teil ihres Lebens nicht gemocht. Trotzdem wird darauf bestanden, dass wir diese Zeichenkette, die uns am Anfang unseres Lebens zugewiesen wird, als Teil unserer Identität verinnerlichen und ja nie ändern.

Nicht jede die mich kennt, kennt mich als Max. Besonders Menschen, die ich durch das Internet kennengelernt hab, kennen mich als (teh)Millhouse. Mit dem Namen “Millhouse” können allein zahlenmäßig mehr Leute was anfangen. Den Namen hab’ ich mir irgendwann selbst ausgesucht. Für’s Internet. Usernames, Nicks, E-Mails und so. Neues Konto, zu faul sich nen neuen Namen auszudenken, da nimmt man den alten. Und schwupp, hat man ne Identität über’s Internet verstreut. Googlet man meinen bürgerlichen Namen, findet man einen amerikanischen Fotografen. Googlet man tehMillhouse, findet man mich.
Trotz alledem, so sagt man mir, ist mein “richtiger” Name Max.

Diese Vorstellung vom “wahren Namen” fällt aber nun in der Netzsphäre sofort auseinander. Ich lerne Leute unter selbstgegebenen Namen kennen, die nichts mit dem gemein haben, was im Perso steht. Dadurch verbinde ich mit “Daniel”, “Stephanie” und “Carl” erstmal niemanden, und erst bei Sofakissen, Tinuqin und Naturalismus klingelt’s dann.[2]

Generell mag ich die Idee nicht, dass jemand anderes entscheiden soll, wie eine Person genannt werden soll. Breanna Manning wird in der internationalen Presse immer als Mann gezeigt und “Bradley” genannt, obwohl Manning genau das nicht wollte[3].
Selbstbestimmung schmelbstbestimmung.

Mir wär’s lieber wenn Leute nicht mit Bezeichnungen bezeichnet werden, die sie sich nicht selbst gegeben oder akzeptiert haben, oder die sie sogar explizit abgelehnt haben. Wenn mir mein Name nicht gefällt, sollte ich ihn ändern dürfen und können. “Spitznamen kann man sich nicht selber geben” ist Müll. “Und wie heißt du denn richtig?” auch.
Vielleicht werde ich mich ja in Zukunft von Zeit zu Zeit als Millhouse vorstellen? So ne Art Rite of Passage wäre doch auch schön: am 18. Geburtstag (alternativ am Tag des Auszugs aus dem Elternhaus) soll dann jede sich einen neuen, richtigen Namen aussuchen, den die Umwelt zu respektieren hat.

— Millhouse

[1] - generisches Femininum. Deal with it.
[2] - Interessant wird’s, wenn man Leute die man aus dem Internet kennt im Meatspace trifft - Es ist erst mal ungewohnt, mit einem selbstgewählten Namen angesprochen zu werden. Man gewöhnt sich aber schnell dran.
[3] - Aktuell ist nicht ganz klar, wie Manning genannt werden soll. Seine Familie besteht wohl auf “Bradley” (correct me if I’m wrong). So oder so war’s zur damaligen Indizienlage zumindest nicht nett, Manning diese Entscheidung abzunehmen.

(Danke an sanczny für’s Lektorat)

Tags: schall rauch
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Hintergründe

Ich lebe erst seit ein paar Jahren in Deutschland, besitze nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Ebenso ist Deutsch nicht meine Muttersprache, denn wo ich herkomme wird Deutsch außerhalb von Sprachkursen eigentlich nicht benutzt. Ich bin kein Anhänger der lokal meistverbreiteten Religion. Hierher gekommen bin ich für’s Studium, und ob ich nach Ende meines Studiums in Deutschland bleibe ist noch unklar. Sogar wenn ich wüsste woran ich eine deutsche Identität festmachen würde, ich würde mich eher nicht dazugehörig fühlen.

Soweit die Fakten. Allen geläufigen (formalen) Definitionen zufolge bin ich also Einwohner mit Migrationshintergrund.

Und doch entspreche ich nicht dem Bild welches von diesen Fakten alleine heraufbeschworen wird. Ist von Bürgern mit Migrationshintergrund die Rede, bin ich nicht gemeint. Man sieht mir nicht an dass ich nicht in Deutschland geboren wurde, und meine erste “Die Ärzte”-CD hab ich mir mit 11 gekauft (“Wir wollen nur deine Seele”). Ich behaupte sogar, keinen offensichtlich “nichtdeutschen” Akzent zu haben.
Es geht hier nicht um Migration.

Sprache ist wichtig, denn mit ihr werden alle gesellschaftlichen Debatten bestritten. Also lasst uns aufhören von “Bürgern mit Migrationshintergrund” zu reden, wenn wir eigentlich was ganz anderes meinen. Es geht bei dem Begriff nicht um Migration, sondern um kulturelle Anpassung (an ein künstlich konstruiertes “normal”), also lasst uns das auch so benennen.
> tl;dr: Der Begriff ist ein verlogener Euphemismus für kulturelle Nonkonformität und gehört entweder abgeschafft oder ersetzt.

(Danke an HerrUrbach für’s Lektorat)

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Ich bin kein Hacker.

Was das ist? Da gibt’s mehrere Bedeutungen. Die meisten haben eine schwammige Vorstellung davon, doch fragen wir mal die Experten:

Hacker, n.:
“[…jadda jadda technikaffin…] It is better to be described as a hacker by others than to describe oneself that way. Hackers consider themselves something of an elite (a meritocracy based on ability), though one to which new members are gladly welcome. There is thus a certain ego satisfaction to be had in identifying yourself as a hacker (but if you claim to be one and are not, you’ll quickly be labeled bogus). See also geek, wannabee.” — The Jargon File

“What Is a Hacker?
[…] If you are part of this culture, if you have contributed to it and other people in it know who you are and call you a hacker, you’re a hacker.” — The Jargon File

(Dabei hab’ ich jetzt Text ausgeblendet, jedoch will ich hier erstmal auf diesen Teil der Definition eingehen)
Kurz: Ein Hacker ist, wer tolle Sachen gemacht hat und von einem Hacker Hacker genannt wurde. Alle anderen sind wannabees.
Nun hab’ ich noch nie ein Kernelmodul geschrieben, und das WWW hab’ ich auch nicht mitdesignt. Ich studiere Informatik, auf die Einladung in den Club der Hacker warte ich aber noch. Tja.

Naja, da gibt’s ja noch ein anderes Hackerbild, das der Medien. Vielleicht bin ich ja wenigstens ein solcher Hacker?

Nunja, ich sitze zwar oft vor Linux-shells mit schwarzem Hintergrund, trage aber selten Balaclavas oder Anonymous-Masken. Meine Lieblings-Programmiersprache ist nicht “1 und 0, ganz viele davon”. Ich bin noch nicht mal Mitglied der Piratenpartei. Ich kann also wohl auch kein solcher Hacker sein. Und das tu ich auch nicht.

Aber wartet! “Club der Hacker”? War da nicht was?
Ja, der CCC ist das Gesicht der Hacker in Europa, und war bis zur Gründung der Piratenpartei der einzige politische Arm der sich den technikaffinen Menschen angenommen hat. Gut, der CCC ist auch nur ein Oberverband für Erfahrungsaustauschkreise. Das lokale Entropia, welches zum Beispiel auch die GPN veranstaltet, ist gefüllt mit netten, offenen Menschen…
Aber let’s face it: der CCC ist in den BTX-Hack-Zeiten entstanden, und auch dort stehen geblieben. Es ist der Gentlemen’s Club der (überwiegend männlichen) weißen cis-Nerds. Konstanze, Fefe und Frank. Nach den Sexismusproblemen und der Thor-Steinar-Story letztes Jahr und der Attraktor e.V.-Story ist wohl klar, wie inkonsequent der Club auftritt. Es wird dieses Jahr auf dem Congress endlich eine harassment policy geben, aber das Umfeld um die cbase, die Nicht-Mitglieder liebevoll “Aliens” nennt, sowie die Präsenz im Netz des Clubs lässt diesen nicht wie die weltoffene Gemeinschaft erscheinen, die beispielsweise in der Jargon File beschrieben wird. Der CCC scheint mir wie ein Verein, der sein Logo nie ändern wird, weil das Logo Tradition hat. Auch wenn niemand heutzutage das Logo versteht.

Dann gibt’s noch die Sache mit dem Wort “Hacker” selber.
Ich mag den Begriff nicht - er allein konstruiert schon ein binäres Identitätsbild. Das liegt daran dass es beim “Hacker” nicht um die Tätigkeit geht (wie etwa beim “Studierenden”), sondern um die intrinsische Identität der Person. Man ist entweder ein Hacker oder man ist keiner. Dies kam vor kurzem insbesondere bei der Diskussion um den Begriff “Hackerspace” zur Sprache (den manche (ich auch) ja mit “Hackspace” ersetzen wollen). Ein “Hackerspace” ist ein Platz für Hacker, da haben Nicht-Hacker nichts verloren. Ein “Hackspace” ist ein Platz zum Hacken. Ob man sich nun als Hacker sieht oder nicht hat hier nichts damit zu tun ob man reindarf - es ist ein generell offener Begriff.
Außerdem gibt’s da noch das “Hacker/Hackerin/Haeckse”-Debakel. Wie weibliche Hacker genannt werden wollen ist nämlich von Person zu Person verschieden, und alle Varianten haben ihre eigenen Probleme.

Generell scheint das “wir” der Hacker wenig Platz zu lassen für Leute die nicht der DIN-Norm für den deutschen Standardhacker entsprechen. Es ist primär ein “die Anderen”, und weniger ein “wir”, was daher kommt dass die Hacker es mögen sich selbst in jeder Lebenslage überlegen zu fühlen (“elite” und so). “Wir Hacker” verstehen die Technik wenigstens. “Wir Hacker” schließen niemanden aus (“wir” wissen ja wie’s ist gemobbt zu werden). “Die Anderen” (die entweder zu dumm oder zu faul sind, sich das technische Wissen anzueignen, das “wir” besitzen) wissen nicht was gut für sie ist. Daher müssen “wir” ihre Daten schützen. Der CCC ist ein Safe Space für eben dieses “wir”. Und dazu fühle ich mich nicht dazugehörig. Dazu will ich mich nicht dazugehörig fühlen.

Ich bin kein Hacker.

tl;dr:
* In den Hackerclub kommt man nur durch Einladung und nachdem man was gemacht hat
* Das durch die Medien geprägte Hackerbild ist kaputt.
* Der CCC repräsentiert alle Hacker; ist aber nicht die Organisation von der ich repräsentiert werden möchte.
* Der Hackerbegriff ist ungenderbar und zieht ein elitäres Selbstbild hoch.
Daher identifiziere ich mich nicht als Hacker.

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Matratzenfort

tl;dr - Ich habe keine Lust auf die Welt. Ich will zurück in mein Matratzenfort, und nie wieder rausmüssen. KTHXBAI.

Schließlich bauen wir alle unsere Matratzenforts um uns herum.

Damit gemeint sind keine physischen Matratzenforts, sondern die peer groups, das kulturelle Umfeld, das wir um uns errichten.

Was folgt ist meine Theorie darüber warum Nerds sich so mit kindlichen Sachen umgeben: wir sehen als Kinder die Welt der Erwachsenen und lehnen sie einfach ab. Die Anime, Videospiele, Nerfguns, Ponies, Magic-Karten, Memes, Comics und Kleinspielzeug sind ein künstlicher Schutzschild um uns herum, der uns vor der Außenwelt (diesen Kravattenmenschen mit ihrem ernsten Leben, ihrer Verantwortung, Rollenbildern und ihrer kaputten Gesellschaft) schützt. So kleben wir also viel Kleinod an unsere nackte Haut und tragen unsere schwarzen Shirts mit Zelda-design als +2 Rüstung gegen die Gesellschaft, um nicht an der kratzigen Oberfläche der Welt zu zerbersten.

Ich kann hier natürlich nur von meiner eigenen Umgebung reden, aber jedenfalls ist die Welt für mich größtenteils (leider gibt’s auch hier Ausnahmen) freundlich, zuvorkommend, lustig, zukunftsgewand, aufgeschlossen, etc.
Die Aufzählung hat natürlich kein Gewicht, denn wenn jemand aus $GROUP versichert, dass $GROUP nett ist, hat das was tautologisches. Trotzdem gibt’s hier weder Homophobie noch raumeinnehmendes Mackergehabe, Dinge die man unter Menschen leider zu oft findet.

Diese Umgebung zäunt mich nun so von der Außenwelt ab dass auch nur ein paar Stunden außerhalb der Peer Group mir Schmerzen bereiten. Erst kürzlich habe ich (und 2 andere Anwesende) angewidert den Raum verlassen, als die alten Schulkameraden eines Freundes vermehrt “schwul” und “Schwuchtel” als Beleidigung benutzt haben und die “Männlichkeit” eines guten Freundes angezweifelt haben. Gestern bin ich frühzeitig vom O-Phasen-Seminar geflohen, weil die Menschen dort in mir nur Misanthropie hervorgerufen haben. Mitbekommen davon hab ich Alkohol als Lösung für Probleme[0], laute Musik bis halb 6 Uhr früh, ganztägig getragene Sonnenbrillen, Fehlen jeglichen Anstandes[1], höchst normatives Verhalten[2] und dummes Mackergehabe[3]. Solche Leute nehmen durch ihre bloße Anwesenheit so viel Raum ein, dass sie mich ersticken. Das waren alles Informatik- und Mathematikstudenten. Die Sorte die das “Battlestar Galaktika”-Brettspiel aufs Seminar mitnimmt. Ich fürchte, hätte ich mir einen anderen Ausschnitt der Gesellschaft gesucht, so wäre mein Menschenbild noch schlechter davongekommen.

Ich weiß nicht was mir dieser Post bringen soll, aber in irgendein Kissen musste ich es schreien, und für den RageAccount ist’s zu lang. Ich verbleibe also angekratzt, kauf’ mir beim Schmied eine bessere Rüstung gegen Desillusionierungsschaden und zieh mich in mein Matratzenfort zurück.

[0] - “Alkohol” wurde zur memetischen Antwort auf Fragen der Art “Und was macht ihr mir den Erstis wenn…”. Auch gab’s Absinth zum Frühstück, das sollte alles sagen.
[1] - Gemeint sind hier Dinge wie dass jemand andere forcefully aufweckt, die er selber bis 5 mit lauter Musik und Gegröhle wachgehalten hat, oder schlichtes Vorbeidrängeln an Warteschlangen.
[2] - Zum Beispiel das laute Gelächter als jemand mit Y-Chromosom sich aus Versehen bei “Dame” angesprochen gefühlt hat.
[3] - Ein Typ, der wildfremde Frauen nach Gutenachtküssen fragt. Ich habe auch mit halben Ohr gehört wie ebendiese Frauen miteinander über das übergriffige Verhalten von anderen Typen geflüstert haben.

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In einer alternativen Timeline…

…hat eine andere Version von mir in der neunten Klasse in der Schule eine bestimmte Person nicht kennengelernt. Oder eine andere Version von mir hat vielleicht bestimmte Blogposts nie gelesen. Eine noch weiter entfernte Version von mir ist vielleicht länger mit einem Vater aufgewachsen und hat mehr von dessen Mentalität übernommen. Diese Version ist vielleicht ja jetzt in der Ausbildung zum Schreiner und legt viel Wert auf Sport und Männlichkeit. Vielleicht gibt’s ja auch eine Version von mir, die das eigene musikalische Talent entdeckt hat und irgendwann mal ein “richtiges” Instrument (sprich: Nicht Euphonium oder so) zu spielen gelernt hat.

Wie lauten diese alten, weisen Worte nochmal? Ach ja: Hätte, hätte, Fahrradkette. Keine dieser Personen bin ich. Keine dieser Personen möchte ich sein. Stattdessen bin ich fast-21-jähriger Infostudent, lese und schreibe komische Blogposts und lache über Katzenbilder, die mir via Twitter zugeschickt werden.

“Bin so klug wie nie zuvor… und bin trotzdem nur ein armer Tor”

Oder so. Ich würde mich nicht als intellektuell hinstellen. Das oder etwas ähnliches werde ich vielleicht nie sein. Jedenfalls bin ich jetzt, im Jahre n, wesentlich schlauer, gebildeter, offener etc.pp. als im Jahre n-5. Da könnte man fast meinen, das wird noch so weiter gehen. Die Quellen sagen ja. Allerdings Bedeutet das, dass das eigene Wachstum selbst kein Maßstab ist (oder nur ein schlechter). Man sollte also die “absolute Güte des Intellekts” (ohje) als Maßstab nehmen. Let’s not go there. Während ich darüber nachdenke, was alles hätte “schiefgehen können” in meinem Leben bisher (sprich: welche Dinge anders hätten laufen können mit dem Resultat dass ich eine Person wäre, die ich von meinem jetzigen Standpunkt aus lieber nicht wäre), muss ich auch darüber nachdenken, dass es wohl viele Dinge gibt, die bereits schiefgelaufen sind. Welche das sind, und wer ich denn wäre, wäre es anders gekommen - das weiß ich nicht. Vielleicht gab’s ja einen Tag im Jahre 1997, an dem ich knapp daran vorbeigelaufen bin, die Geschehnisse in Gang zu setzen, die mich dazu gebracht hätten, später Nobelpreisträger zu werden. Wahrscheinlich nicht, aber wer weiß? Aber wer sagt dass ein Leben als Nobelpreisträger “besser” ist als ein anderes? Wahrscheinlich gibt’s Paare an Lebensabläufen, die sich selbst jeweils als den besseren sehen. Wahrscheinlich ist das dann auch bei fast allen Lebensabläufen so. Ich jedenfalls stecke in dem Lebensablauf fest, in dem ich mir Gedanken über verpasste Chancen und potenzielle Lebensabläufe mache, und das konstruktivste was sich mein Hirn daraus machen kann ist und bleibt:
Hätte hätte Fahrradkette.

tl;dr Hätte hätte Fahrradkette.

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Der Biss des Feministen.

Ich bin ja nicht normal.

Für die die mich kennen ist das auch nichts neues. Normal sind die aber auch nicht. Ich mag meinen Bekanntenkreis trotzdem (oder gerade deswegen). Ich habe gefärbte Haare, Regenbogenumflauschte Kopfhörerkabel, bewege mich was meine Sprache angeht irgendwo zwischen Englisch und Deutsch, versuche mich selbst zum Vegetarier zu erziehen (aus Gründen) und vermeide es so gut es geht an die Welt außerhalb der Filterbubble zu denken.

Oft ignoriere ich die eigene Anormalität und tu so als würde die Welt an den Toren meines Elfenbeinturmes aufhören. Das wird allerdings immer schwerer. Seit kurz vor der GPN bewege ich mich nämlich (größtenteils via Twitter) einer Reihe Menschen entgegen, die sich mit Feminismus auseinandersetzen. Die ersten Gedankengänge waren dann mal wie folgt:

“Was empören die sich so? Wir haben doch Gleichberechtigung!”
“Was? Frauenquote? Dann werden doch die weniger kompetenten Menschen eingestellt!”

Und so weiter. Das sind halt die Gedankengänge, die von einem Hirn konstruiert werden, das es nicht gewöhnt ist über Sexmismus nachzudenken.

Dann fielen mir Dinge auf.
War diese Werbung schon immer so? Warum glauben auf einmal alle, mit der einen Frau im Raum Körperkontakt haben zu müssen/dürfen? “Also die Aktion gerade wäre total awkward gewesen wenn die Person männlich wäre…”

Spätestens als mir heute jemand klar machen wollte dass Frauen in Videospielen nicht sexistisch dargestellt werden und eine Frau mir gesagt hat, dass sie aufgrund ihres nicht geschlechtseindeutigen Namen oft mit “Sehr geehrter Herr …” angemailt wird, wurde mir klar dass mich ein_e radioaktive_r Feminist_in gebissen haben muss. Bei mir bildet sich nämlich gerade der Kackscheiße-Blick aus, und ich weiß noch nicht ob ich das gutheiße.

Was jetzt passieren wird weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich maps Situation hüten und es mir einfach machen. Per Blogpost ins Kissen schreien. Per Rageaccount alles in die öffentliche Sphäre blasen und mich via ekeliasing über die Welt empören. Der sozialen Kompatibilität wegen. Vielleicht sollte ich es auch drauf ankommen lassen. Rote Pille/blaue Pille, und ich glaube keine schmeckt besonders gut.

tl;dr mimimi meine Privilegien fallen mir auf.

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Wohin mit all den “m(“?

tl;dr mimimi ich kann direkte Kommunikation nicht mehr umgehen

Ich kann nicht mehr lästern.

Das klingt sehr trivial, und mensch mag sich fragen, Was dieser Blogpost soll. Vielleicht ist er ein Fehler. Jedenfalls ist eine Konsequenz der zunehmenden Vernetzung meines sozialen Zirkels (was ja eigentlich eine positive Sache ist) dass ich kein Medium mehr habe, über welches ich über andere Leute in meinem sozialen Zirkel lästern kann.

Das mit dem Lästern ist hier nur ein Symptom eines Effektes der mir neulich aufgefallen ist. Das Abreagieren von sozialen Spannungen ist meiner Meinung nach wichtig für funktionierende soziale Interaktion. Menschen sind in ihrem Verhalten nicht immer kompatibel und nerven sich oft gegenseitig, jedoch gibt es Situationen, in denen grausame Ehrlichkeit nicht angebracht ist - entweder weil die Situation zu heikel ist, mensch den Konversationspartner nicht gut genug kennt, oder weil mensch einfach keine Lust auf direkte Konfrontation hat. Internetumarmungen sind ein seltener und wertvoller Rohstoff (ich halte sehr viel von der @flauscheria, denn sie kämpft auf eine unhassbare Art gegen diese Armut an Mitgefühl an), und es ist unklar wie viel Betrübtheit wir ohne weiteres auf Twitter posten können ohne das Medium selbst zu vermiesen. Überfliegt man die Twitter-Accounts der Alpha-Twitterer, so erscheinen diese reflektiert, wenn auch kalt - Hirnfürze gibt’s nur wenige, und es sickert oft nur wenig emotionales ins Netz. Trotzdem sind Menschen nun mal von Zeit zu Zeit traurig oder wütend. Auch Menschen mit 5k Followern. Andere Leute ins Gesicht treten ist wohl nicht die Lösung. Sich in die Faust beißen funktioniert aber auch nicht immer und zieht hochgezogene Augenbrauen mit sich. Also tweetet mensch halt einen “Menschen die…”-Tweet und ist ruhiger.

Nun benutzt die Person über die mensch rantet aber auch Twitter. Ups. Will ich mich also abreagieren, muss ich mir einen Zweitaccount erstellen. Das wäre dann @RageMillhouse oder so. Manche machen das so. Da schreit mensch dann ins Kissen. Bloß hört niemand zu, was dem ganzen den Sinn entnimmt. (Es sei denn, mensch ist ein Alpha-Twitterer. Solche Wesen haben einen Account für die eigene Hand, der mehr Follower hat als ich)

Passiert mir immer öfter, das. Ich habe eine gewisse Laune (rege mich über jemanden auf, fühle mich sogar mal nutzlos, oder bin einfach deprimiert über die Gesellschaft), kann dieses Sentiment aber nicht ausdrücken. Schließlich will mensch ja nicht die Laune verderben. Misantroph sein. Gefühle verletzen. Schließlich will mensch ja nicht lästern, denn lästern ist böse™. Schließlich will mensch ja nicht Twitter mit (gasp) persönlichem Zeug zumüllen.

Ich stelle also fest: Je dichter vernetzt das eigene Umfeld ist, desto weniger soziale Konventionen können wir durch das Internet umgehen.

Wir sollten uns also mal über folgendes im Klaren werden. Soll unsere Identität im Netz…
- Ein Denkmal unserer Sonnenseite sein, saubergefegt von Gefühlen?
- Ein bedrückend echtes Bild unserer selbst sein, mitsamt Problemen?
- In leicht verdauliche Happen oder Packages zerteilt werden, zum einzelnen subscriben?

Ich weiß nicht was zu tun ist. Ich hab’ mir jedenfalls gerade @RageMillhouse registriert. Ob ich ihn je benutzen werde weiß ich nicht. Time will tell.